Ernte einer Nacht.

Blatt Eins. Schreiben.

 
Ich sehe einen silbernen Stift in der Hand. Ich schreibe. 
Hallo Hand, wem gehörst du? Mir? Mir gehörst du? 
Du schreibst also für mich? Wo ich doch gar nicht da bin.

Ich bin nicht hier. Ich glaube, ich bin weggegangen. 
Oder jemand ist weggegangen - ich kann es ja nicht 
gewesen sein, da ich nicht hier war. Hand. Was 
schreibst du? Für wen? Sind andere da? Solche, die 
etwas lesen wollen. Es kann doch unmöglich sein, daß 
du für dich selbst schreibst, das würde doch wenig Sinn 
machen. Nein, das wäre ziemlich unsinnig, eine Hand, 
die für sich selbst schreibt, ohne Aussicht darauf, gelesen 

zu werden. Da entstünde ein Text, der nur für die schreibende Hand existierte, und was soll die Hand mit ihrem eigenen Text, wenn nicht jemand existierte, dem dieser Text sich mitteilte. Texte können nicht für sich selbst existieren, denn wie sollten sie dann geworden sein. Nein, Hand, das scheint mir ganz und gar unsinnig. Wenn ich hier wäre würde ich aufstehen und zur Tür gehen. Ich würde sie öffnen, du, Hand - meine Hand - würdest die Klinke niederdrücken, damit ich die Tür öffnen könnte um dahinter nachzusehen, ob ich vielleicht draußen stehe. Ich würde mich begrüßen, also ich würde dich dir geben, will sagen, würde dich meiner Hand draußen entgegenstrecken und ihr würdet euch nehmen und schütteln.

Du, meine Hand dessen, der draußen stünde. Ich würde mich bitten, hereinzukommen, um zu überprüfen, ob ich drinnen sitze und schreibe. Ich glaube aber nicht, daß ich mich draußen vorfinden würde. Denn wenn ich anfänglich sagte, ich glaube nicht, daß ich da bin, wie sollte ich denn draußen sein. Denn Draussen ist ja doch nur eine Erweiterung des Da, und da ich nicht Da zu sein glaube, nehme ich nicht an, im erweiterten Da plötzlich vorhanden zu sein. Die Erweiterung eines Da ändert ja nichts am Da, außer daß es das Da erweitert. Das Da, in dem ich mich nicht befinde, ist ja aber mindestens für den, der nicht da ist ebenfalls nicht da. Wie sollte denn, liebe Hand, die du schreibst, für den Nichtdaseienden ein Da existieren? Und dann schon ein erweitertes Da. Völlig absurd!

Hand, ich muss, es tut mir leid, beginnen daran zu zweifeln, daß du da bist. Wie könnte es sein, daß ich, nicht da seiend, dich einen silbernen Stift führen sehe, der für niemanden schreibt.

Es muss insgesamt ein Irrtum vorliegen. Das Irr-Tum kann nur daraus bestehen, daß meine Annahme, nicht hier zu sein, falsch ist. Denn wer schriebe, wenn nicht doch ich. Oder steht da etwas hinter mir, das mich schreibt? Bin ich da und schreibe nicht selbst, was mich argwöhnen lässt, ich wäre nicht da? Bin ich da und dennoch schreibt Es mich über dich, meine Hand? Bin ich das, was geschrieben wird? Ja, ich glaube jetzt, du schreibst indem ich geschrieben werde und wir werden beide nie wissen, wer da schreibt. Jedenfalls scheinen wir beide wieder da zu sein. Ich meine, auch ich. Dann geh’ ich jetzt mal raus und hol mich rein! – Schreib’ du inzwischen ruhig weiter.

 

Ernte einer Nacht.

Blatt Zwei. Erinnern.

 

Ich erinnere mich gerade an so vieles, was ich vergessen habe. Es ist schon merkwürdig, wie viel Vergessenes es gibt.

Je mehr ich mich erinnere, je mehr Vergessenes gibt es.

Wie lange geht das schon so? Ich kann mich nicht erinnern, die Dauer könnte unendlich sein. Und darin liegt ein ungeheuerlicher Reichtum an Vergessenem. Eine Sonne des Vergessenseins. Ihre Masse wächst dauernd an. Manchmal auch eher ein dunkler Stern.

Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Am furchtbarsten sind die Augenblicke, die sich wie ein sogenanntes schwarzes Loch ausnehmen. Die Gefahr besteht, dass sich die unendliche Masse des Vergessenen umstülpt in das Vergessen des Erinnerten. Das geschieht, wenn die Masse des Vergessens in sich selbst versinkt. Ich kann mich nur schwer an solche Augenblicke erinnern, da ich vieles von meinen Erinnerungen vergessen habe.

 
 
          Ernte einer Nacht.

Blatt Drei. Nacht. Tag.

 
Die Nacht frisst sich selbst, beißt sich in den Schwanz, spuckt sich aus und zieht sich an den Ohren aus dem Tag. Dann ist es zwar hell, aber die Nacht liegt dennoch und immer noch unter dem Tag. Schaut man genau hin, ist der Tag dunkel. Pechschwarz. Die Nacht lacht aus dem Tag hervor und schwärzt ihn ein. Geht aber der Tag zur Neige, kriecht die Nacht hervor und überlässt den Tag sich selbst. Dieser legt sich sanft in die Nacht, verliert sich so in ihr und wenn man nun genau hinschaut, sieht man überall zwischen der Nacht den Tag hervorperlen. Das macht die Nacht so hell, für den, der genauer hinsieht. Durch die Finsternis webt sich die Helligkeit, frisst sich durch sie hindurch und leuchtet drüben auf.

Drüben ist immer die andere Seite. Jedoch ist die andere Seite ja immer nur die andere Seite des Drüben. Und so hin und her gewendet, wird die Nacht zum Tag und der Tag zur Nacht. Und jeder frisst den andern auf, während jene den einen gerade ausspuckt. wie wär’s denn dann, bitte schön, mit einem ewigen Grau, daß sich weder frisst noch spuckt. Ein ewig schönes, ewig langes, ewig ewiges Grau. Wunderbare Vorstellung!

 

            Ernte einer Nacht.

            Blatt Vier. Fisch.

 
Ein Fisch schwimmt in sich selbst herum. Sein Silber schimmert glücklich durch die Schuppen nach innen und leuchtet dem Fisch im Fisch. Dieser freut sich über das silberne Licht, das er sich beschert, und zufrieden schwimmt er in sich weiter. Plötzlich stößt er an seine Grenzen. Autsch! Er hat sich die Fresse an sich selbst gestoßen. Nanu, denkt der Fisch, jetzt etwas mürrisch geworden, und sein Silber verblasst ärgerlich. Was soll denn das, denkt sich der Fisch, erst schlag ich mir an mir selbst das Maul an, und dann wird’s plötzlich dunkel um mich herum. Trübe zieht der Fisch weiter. In sich selbst und um sich herum. Jedoch in sich selbst beginnt er zu kochen vor stiller Wut, während er außer sich selbst vereist. So wärmt sich der Fisch von innen nach außen und kühlt sich von außen nach innen. Ein schönes Gleichgewicht, denkt der Fisch, während er in sich weiter schwimmt. Um sich herum ist er stehen geblieben. Längst ist er versteinert, ein Fossil. Eingebettet im Stein, schlummert er tief und fest. Seit Tausenden von Jahren. Nach einer Weile vergisst er seinen Ärger. Er beginnt wieder silbern zu schimmern, schwimmt mit kräftigen Flossenschlägen los und löst sich auf. Inzwischen ist soeben die Sonne für immer untergegangen. Macht nichts, denkt der aufgelöste Fisch.

 

 Ernte einer Nacht.

Blatt fünf. Ernte.

 
Ich sehe durch meine Finger einen silbernen Fisch fröhlich über ein Blatt Papier schwimmen. Er hinterlässt dort ein silbriges Schuppenband. Ich hatte den Fisch ganz vergessen, denn über Tage war er in der durchsichtigen Helligkeit verschwunden. Jetzt aber, da es Nacht ist, sehe ich ihn schimmernd zwischen den Fingern meiner Hand hin und her zappeln. Dennoch versucht die Nacht sich wie ein drohendes Netz über uns zu werfen, über den Fisch, die Hand und mich. Mit einer schnellen Erinnerung an den Tag zerschneide ich einige Maschen der Nacht, und das Silber des Fisches quillt als beginnender Tag durch das Netz. Je mehr Tagesschuppen durch die Maschen fallen, um so gieriger frisst sich heulend die Nacht auf’s Papier. Klebrige dunkle Zeichen bedecken das endlose Weiß des Blattes, während der Tag beginnt, es einzurahmen. Das besudelte Blatt schrumpft unter Tage auf ein mickriges A4-Format hinunter, und würde der Tag noch lange andauern, Gott behüte, es würde noch zu einem Nichts herunterschmelzen, man stelle sich vor, ein mit schwarzer Nacht besudeltes Blatt Papier, welches vor lauter Tag zu einem Nichts zusammenschmölze, es wäre bald völlig hilflos vergessen.

Perlend tropft der Fisch geschuppt über das Blatt Papier. War nun doch nicht alles vergebens? Noch immer schwebt meine Hand über dem Blatt, daß sich zwischen Tag und Nacht nicht entscheiden kann. Längst scheint die Sonne durchs Fenster und lässt meine Hand alt aussehen. Müde und kraftlos. Je höher die Sonne steigt, je älter wird meine Hand. Im Zenit sehe ich sie versteinert. Ein Fossil ihrer selbst. Sie hat sich selbst vergessen, meine Hand. Sie weiß nicht mehr, ob sie je ein Teil von mir-, ob ich je ein Teil von ihr gewesen war. Als steinerner Schatten trübt sie den hellen Teil der Schrift, welche der Fisch auf seiner Bahn über das Blatt Papier, um das Blatt herum, hinterlassen hatte. Die silbernen Schuppen verblassen zu Hieroglyphen, die aus uralter Zeit heraufschimmern. Geheimnisvoll tot. Sie erinnern an das große Vergessen, daß in der Nacht schlummert, während der Fisch friedlich seine Runden zwischen den Fingern meiner Hand zieht, meiner Hand, die nachts so flink und jung, keck über das endlose Weiß eines Blattes Papier zieht.

Ich stehe neben meiner Hand und staune. Sie gibt mir Rätsel auf. Soviel Dauer hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Da schreibt sie, völlig versteinert bei Tage, nachts seit Jahrtausenden und wird immer jünger dabei. Gerne würde ich meine Hand bitten, mir zu erzählen, was sie weiß. Jedoch umgibt mich selbst eine gewisse Scheu. Ich bin nicht sicher, ob die Frage nicht alles in sich zusammenbrechen ließe, schrecklich implodieren, wie ein schwarzes Loch. Wenn ich nur sicher sein könnte, daß dann wenigstens der  silberne Fisch übrig bliebe, das wäre mir genügend Beruhigung. So lasse ich die Frage. Ich lasse sie sich selbst sein, und wie ein graues Band zieht sie sich in sich selbst zusammen, zerknüllt knisternd das Blatt Papier, legt sich in seine Falten und schläft ein. Ich greife, froh, dem rastlosen hin und her von Tag und Nacht entronnen zu sein, fraglos den Fisch fest mit meinen Fingern und stecke ihn in die Tasche meines Morgenmantels. 

Ich genieße den kurzen Augenblick endlicher Ruhe - die Ernte einer Nacht.